Kapitel 17 - Café Brazil Erlangen

Mein Zustand: Harmonie zwischen meinen Träumen und dem Sein. So ist es, ich bin einfach glücklich! Taxifahren, zur Uni gehen, mit Isa zusammen sein und nicht an morgen denken. Das ‚hinter mir‘ liegt weit, weit weg. Das ‚vor mir‘ ist immer nur das heute.
Meine Schulden, wegen der Flugtickets konnte ich schnell abbauen. Ich intensivierte das Taxifahren, fuhr sieben Nächte pro Woche. Als ich kurz vor Weihnachten, Isa war schon heimgefahren, das Geld zusammen hatte, es in einen Briefumschlag steckte und an ihren Vater adressierte, gab es bei ihr, als es ankam, einen großen Krach. Wieso ich soviel Geld in einem Brief verschicken könnte und außerdem auch noch das Geld für Isas Ticket? Für seine Tochter könne er selbst aufkommen! Mir war es eine kleine Genugtuung, eine Revanche dafür, weil er mich Flüchtling genannt hatte.
Es ist kalt. Heute ist Weihnachten, heute ist der 24-zigste. Ich bin alleinstehend, ohne Kinder. Die Zentrale suchte seit Tagen für diese Nacht Fahrer. Familienväter haben alle frei, hat sie gesagt, aber ich fahre sowieso die Zwo-sieben habe ich ihr geantwortet. Einige Fahrer haben sich einen kleinen elektrischen Weihnachtsbaum am Armaturenbrett festgemacht. Sehr kitschig! Friedolin ist bestimmt mit Adele zusammen, Maximilian hat jetzt auch eine Freundin. Er ist nach Fürth umgezogen. Geht ganz normal zur Schule, macht an einem regulären Gymnasium das Abitur. Wir Brüder haben gemeinsam die Aktion ‚Weihnachtspakete für Eisenach‘ durchgezogen und bewußt uns gegenseitig mit Geschenken, Christbaum und dem ganzen Drumherum der Weihnachtsromantik, verschont. Jeder bleibt für sich.
Die Wirtin im Forsthof hat den Gastraum festlich geschmückt und wir Taxifahrer bekommen einen Schokoladenweihnachtsmann zum Essen dazu. Gegen früh um sechs ist auch der letzte Nachtschwärmer daheim. Ich mache Schluß, zähle meine Einnahmen. Es war eine wirklich gute Nacht, gutes Trinkgeld. Auf ins Bett.
Ich schlafe ein paar Stunden und werde wach, weil es draußen so besonders leise ist. Kein Straßenverkehr zu hören, nur von weit her die Glocken der Hugenottenkirche. Ich schaue aus dem Fenster, alles weiß, verstehe, es hat geschneit, deshalb diese Ruhe. Statt mir einen Kaffee zu brühen, laufe ich die paar Schritte durch den frischen Schnee zum Brazil. Es ist ungewöhnlich leer, mein Sofaplatz ist frei. Stimmt, die Studenten sind heimgefahren und kommen erst im nächsten Jahr zurück.
Das Café Brazil hat vor ein paar Wochen ein Taxiunternehmer eröffnet. Wir machen hier gerne Schichtwechsel, weil auch genügend Parkplätze da sind, und es treffen sich hier auch andere Fahrer zur Übergabe. So hat man noch Zeit für einen Kaffee und einen kleinen Plausch. Ich fühle mich hier wohl, es ist eine angenehme Atmosphäre. Kleine runde Marmortische mit Thonetstühlen. An der Seite ein großes blaues Sofa. Wenn man hereinkommt, steht man zuerst vor dem Tresen. Er hat vorne Glastüren. Da stehen die Kuchen: Mohn-, Streusel- und Quarkkuchen. Manchmal auch ein Kirschkuchen. Oben drauf die verchromte italienische Kaffeemaschine. An den Wänden hängen Theater- und Filmplakate. Dazu darf ab und zu ein Künstler seine Bilder oder Photos aufhängen. Mir ist das Brazil mehr und mehr zu meinem Wohnzimmer geworden. Ich komme nicht nur zur Taxiübergabe, sondern auch so gerne her. Dann bestelle ich mir einen großen Kaffee (er heißt hier Haferl), dazu immer ein saftiges Stück Quarkkuchen mit Schlagsahne. Wenn möglich sitze ich auf dem Sofa oder in der Ecke mit gutem Blick auf die Straße. Zum Lesen gibt es das ‚Erlanger Tageblatt‘ die ‚Süddeutsche’ und einige Magazine. Manchmal sitze ich einfach nur da, schaue den Leuten zu, hänge meinen Gedanken nach und stiere Löcher in die Luft. Heute ist so ein Tag, da sitze ich einfach nur herum. Eine aktuelle Zeitung gibt es nicht, es ist der erste Weihnachtsfeiertag.
„Einen großen Kaffee bitte und Quarkkuchen mit Sahne!“
„Kommt gleich“, bestätigt die junge Kellnerin und lächelt.
Angenehm leise hat sie das Radio eingestellt. Es läuft wie immer irgendein Schlagergedudel, zwischendurch Verkehrsnachrichten.
Anrufen! Weihnachtsanrufe, ich muß ja in Eisenach anrufen, schießt es mir durch den Kopf. Durch die Reisen ist mein altes Leben verblaßt. Nur noch selten denke ich an Eingesperrtsein zurück, oder an dieses Grau-in-Grau des ostdeutschen Alltags. Sogar an meine Eltern zu denken, hatte ich vergessen. Wenn ich Ost mit West vergleiche, dann jetzt weniger die äußeren Umstände, eher eine Familie mit der anderen. Ich erinnere mich, bei Isas Familie lief im Radio auch das Schlagergedudel mit den Verkehrsnachrichten.
Ich schmunzel über meinen Gedanken. Es hat Vorteile, aus einer Pfarrersfamilie zu stammen und zusätzlich in der Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs aufzuwachsen. Da erhält man die Liebe zur Musik quasi intravenös. Es war für Pfarrerskinder die Regel, mindestens ein Instrument zu spielen, im Kirchenchor zu singen und im Advent in der Georgenkirche dem Bachchor beim Weihnachtsoratorium zuzuhören. Dabei fallen mir mein Bruder Friedolin und seine Marotten ein. Ihm war es wichtig, quer durch die Stadt zum Café ‚Süßes Eck` zu laufen, nur um dort Tee zu trinken und dabei wichtig zu reden: „Man dürfe das Weihnachtsoratorium nur im Sommer hören, dieser Stilbruch würde die Musik vom Weihnachtsbrimborium befreien.“ Was er im Sommer auch lautstark, bei weit geöffneten Fenstern, tat. Es schallte bis in die Nachbargärten. Meine Gedanken schweifen weiter ab. Wenn seine Schulkameraden, wie Schlumpf und Georgi von der Abbe-Schule, da waren, dann saßen sie im Wintergarten, belegten den Schallplattenspieler, hörten Platten, indem sie diese nur kurz anspielten, um dann sofort zur nächsten zu wechseln, und unterhielten sich intensiv: Man müsse unbedingt erkennen, ob gerade die Pathétique oder die Appassionata-Sonate gespielt würde. Ich hielt das für Wichtigtuerei, weil sie untereinander angeben wollten. Unsere Mutter, wenn sie ihre gute Zeit hatte und Familienleben stattfand, brachte uns bei, an welchem Klang man Mozart von Beethoven unterscheiden könnte. Das fand ich wichtig, das andere überkandidelt.
Mein Kuchen ist aufgegessen, der Kaffee ausgetrunken, bis zum Schichtwechsel noch viel Zeit. Es ist Weihnachten. Wenn ich schon so an meinen Bruder denke, dann sollte ich ihn auch besuchen. Er wohnt hier um die Ecke in der Glückstraße. Ich war lange nicht mehr bei ihm, nur damals, kurz nach seinem Einzug.
Als ich bei ihm klingele, kommt mir Adele im Treppenhaus entgegen. Sie hat Tränen in den Augen und nickt mir im Vorbeigehen nur kurz zu.
„Frohe Weihnacht“, und geht schnell weiter.
Friedolin nimmt mich mit hinein. Seine Wohnung hat sich total verändert. War es erst ein halboffener Dachboden, ist es nun bereits eine gemütliche Zwei-Zimmer-Wohnung. Mir fällt wieder auf: seine Begabung, die schönen Dinge zu erkennen. So findet er Dinge, die andere wegwerfen, verändert sie und ändert so ihre Bestimmung. Ein aus einem Schminktisch abgetrennter Spiegel, dient in der Küche als Untersetzer. Auf einem dreietagigen Teewagen, steht der Plattenspieler. Als zentralen großen Tisch hat er einen alten Schreinertisch, den er auf einer aufgelösten Baustelle gefunden hatte, geholt, ihn vom Dreck und Beton gesäubert und frisch mit Leinöl eingestrichen. Vor dem Fenster steht auf einer Staffelei eine Schrankrückwand, die er grau grundiert hatte und auf der erste Striche eines Portraits zu sehen sind. Daneben steht eine Schaufensterpuppe, bekleidet mit einem Rokokokleid. Zwei Biedermeierstühle sind frisch bezogen und bei einem ist das hintere Stuhlbein geschient. Auf dem Tisch: mehrere kleine Papierstöße, seine Schreibmaschine und ein Stapel Bücher.
„Magst Du einen Tee?“, fragt er mich.
„Danke, nein, hatte gerade im Brazil Kaffee.“
„Komm, setz Dich. Warst lange nicht mehr hier. Bis New York hast Du es schon geschafft. Alle Achtung!“
„Stimmt, immer Hummeln im Po.“ Ich muß mich erst räuspern und frage dann:
„Was ist mit Adele? Sie hatte Tränen in den Augen?“
„Sie möchte mir bei der Magisterarbeit helfen, ich verzettele mich“, sagt sie. Aber sie hat keine Ahnung. Sie sei extra nicht heimgefahren. Wir haben uns gestritten.“ Fast unbemerkt, als ob es keinerlei Aufmerksamkeit bedürfe, hat er nebenbei eine große Pfanne Schinkennudeln zubereitet und stellt mir einen Teller voll vor die Nase:
„Guten Appetit!“ Da kann ich nicht nein sagen. Während wir essen, erzähle ich ihm, ich würde mich nicht mehr erinnern können, was es für ein Gefühl war, eingesperrt zu sein. Ich frage ihn:
„Hast Du noch Kontakt zu Deinen Freunden von der Abbe-Schule?“
„Nein, keinen Kontakt. Ich habe mal gehört, die Russischlehrerin von der Sophie-Scholl-Schule ist, als sie pensioniert wurde und reisen durfte, in den Westen gezogen.“
„Das hätte ich nicht gedacht, sie wirkte wie eine 100%ige.“ Ich helfe noch beim Abräumen.
„Um 18:00 Uhr ist Schichtwechsel, der Tagfahrer kommt zum Brazil.“ sage ich und füge an:
„Wovon lebst Du? Was hast Du für Geld?“ Er antwortet mir:
„Ich bekomme ein Stipendium, da unsere Eltern nicht zahlen können. Das muß ich am Ende des Studiums teilweise zurückzahlen. Aber die Bedingungen sind sehr kommod. Vielleicht ziehe ich wieder um, hinaus aufs Land, nach Mechelwind. Dort könnte ich auf einem Bauernhof mitwohnen. Mal sehen. Die Magisterarbeit liegt hier und quillt und quillt und wird immer umfangreicher. Holger sagte, es sei fast eine Doktorarbeit, aber wie ein Brei und völlig ohne Gliederung.“
„Kann ich Dir helfen?“
„Nein, danke, da muß ich selber durch!“
„Na, dann, bis bald, ich muß los. Sag einfach Bescheid, wenn ich was tun kann.“
„Ja, mach ich. Guten Umsatz!“
„Ach übrigens: Frohe Weihnacht!“
Damit laufe ich zurück zum Brazil. Mache noch einen kleinen Umweg zur Telefonzelle am Zollhausplatz und rufe in Eisenach an. Die Zwo-sieben steht schon da.
„Heute war nicht viel los“, sagt der Tagfahrer. Ich fahre ihn heim und stelle mich am Bahnhof hinten an.

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