Kapitel 2 Im Lager
Erschöpft von der Aufregung sitzen wir schweigend nebeneinander.
Der Fahrer meldet sich mit einer Durchsage:
„In etwa zwei Stunden seien wir da.“
Gestern war für mich die Erde noch eine Scheibe, in der Mitte zerschnitten durch den Eisernen Vorhang, an dem ich mir und wenige andere, den Kopf gestoßen und die Seele zerrieben habe. Viele andere haben sich nicht daran gestört, haben das nicht bemerkt oder sich geduckt und dabei Anstand und Charakter aufgegeben.
Da sind wir vorhin mit Karacho hindurch und nun ist die Erde unendlich groß.
Ich bin jetzt drüben, nein, ich bin jetzt hier. Drüben ist nun auf der anderen Seite der Grenze. Alles ist echt und kein Traum. Unser Bus, die Landschaft, mein Bruder neben mir, kein Traum, alles ist wirklich da. Natürlich habe ich gewußt, es existiert, habe es gesehen im Westfernsehen. Wir hatten oft Westbesuch und es wäre ja grotesk dumm, würde ich annehmen, die Welt sei wirklich am Stacheldraht zu Ende. Dahinter wäre nur imaginäres Land, erfunden wie ein Film oder ein Roman. Ich hatte auch oben vom Turm der Wartburg nach Westdeutschland hinübersehen können und trotzdem war in mir diese Sperre, ich konnte mir nicht vorstellen, dort drüben, da ist der Westen, den gibt es wirklich. So stark blockierte die Grenze mein Denken.
Wie oft hörten wir das: „Im Westen sind sogar die Wiesen grüner.“ Ich sehe durch mein Fenster die Wiesen und tatsächlich, sie sind grüner. Wieso wohl? Wahrscheinlich, weil man hier nicht mit nasser Braunkohle heizt, deren Ruß alles grau macht und die zusätzlich bitter stinkt. Ja, es riecht hier ganz anders. Kein Trabant, kein Wartburg weit und breit mit ihren stinkenden Auspuffwolken.
In mir sind zwei verschiedene Vorstellungen vom Westen. Die eine, eine der Realität entsprechende, deren Probleme ich durch die Tagesschau erfuhr, und die andere, dieses imaginäre, nebulöse Dunstland. Dahinein projizierte ich meine Träume, völlig blauäugig. Die sind nebulös, ich kann sie selbst nicht genau beschreiben: frei sein, studieren, reisen, schreiben, die Welt sehen, ein Teil der Welt sein.
In meinem Bewußtsein ist verankert, ich gehöre zu den Menschen, die hinter dieser unüberwindbaren Grenze leben müssen. Schicksal. Das ist fest und tief in mir. Aber ich bin doch jetzt auch einer von denen, die frei sind. Mein Bewußtsein irrt sich, es muß umdenken, ich bin kein Mensch 2. Klasse mehr.
Ich öffne die Augen: Die Autobahn ist nicht viel anders, hat die gleiche Farbe, die gleiche Bauart, auch Betonsegmente. Ist wohl noch aus der Hitlerzeit, nur die Brücken sind besser eingefügt und es gibt keine Schlaglöcher.
Nach etwa einer Stunde fahren wir von der Autobahn ab, es geht weiter auf einer Landstraße. Da ist ein deutlicher Unterschied: Sie ist viel breiter, hat einen Randstreifen, natürlich keine Schlaglöcher und die Ortschaften sind sauber und die Häuser gepflegt. Auf den Feldern werden keine Garben gebunden, Traktoren sammeln das Stroh und pressen es zu dicken Rollen.
Endlich sind wir da. Durch einen Schlagbaum fahren wir auf das Gelände des Notaufnahmelagers. Der Busfahrer wünscht uns alles Gute, wir werden von einer älteren Dame begrüßt, ganz offiziell im Namen der Bundesrepublik Deutschland, und dann erklärt sie uns noch, wie und wo wir registriert und in welchen Unterkünften wir schlafen werden.
Bei der Registrierung gibt es für jeden 100 DM, aufgeteilt in Scheine und Kleingeld, zum Telefonieren. Eine Telefonzelle ist draußen auf dem Vorplatz und davor schon eine lange Schlange. Wir suchen das Zimmer, in dem wir schlafen werden. Es ist ein Zweibettzimmer, wir Brüder sind zusammen.
Was ich da sehe, ist für mich unerträglich. Wie vom Blitz getroffen, in einem jähen Zornesanfall, reiße ich den Bettbezug von meinem Bett. Es ist das 100 % absolut identische Bettzeug: weiß-blau kariert, wie ich es erst bei der Armee, dann in der U-Haft und zuletzt im Gefängnis hatte.
Dieser Anblick ist mir schier unerträglich, nicht hier, nicht auch noch im Westen.
Darin kann ich nicht schlafen. Nie wieder Knast-Bettwäsche!
Aufgewühlt und wütend setze ich mich auf das abgezogene Bett.
Ich schlafe ohne Bettzeug!
Mein Bruder schaut mich verwundert an. Ich erkläre ihm meinen Wutanfall.
Er lacht:
„Wahrscheinlich wird die im Osten hergestellt.“
„Okay, ich geh mal zur Telefonzelle und stelle mich hinten an.“
Als ich dann dran bin, werfe ich meine Groschen ein, rufe die Auskunft an und lasse mir die Nummer von Onkel Gerhard in Kassel geben.
Dann rufe ich ihn an, bin sehr aufgeregt, er nimmt gleich ab, da ist meine Stimme weg. Ich räuspere und räuspere und bekomme nichts Klares heraus.
Gerhard ruft:
„Hallo, wer ist da?“
„ … ich …“, krächze ich irgendwie, wollte eigentlich sagen: „Ich bin’s, Dein Neffe“, das gelingt mir einfach nicht.
Aber Gerhard hat mich erkannt:
„Wo bist Du? Sie haben uns schon informiert, ihr würdet mit dem nächsten Transport kommen.“
Puuuuhh, ausatmen ...
„ ... in Gießen “ - endlich geht es wieder.
„Wir sind im Aufnahmelager. Kannst Du in Eisenach anrufen?“
„Soll ich Euch abholen?“
„Nein, wir müssen hier morgen Papierkram erledigen, erst dann dürfen wir weiter.“
„Okay! Ich rufe alle an und gebe Bescheid. Endlich seid ihr da.“
„Kannst Du Friedolins Nummer herausbekommen?“
„Friedolin hat kein Telefon, ich schicke ihm ein Telegramm, er soll mich bitte anrufen. Dann bis morgen und ich freue mich riesig. Hurra, ihr habt es geschafft!“
„Danke, ich rufe dich morgen Vormittag wieder an“, und lege auf.
Meine Knie sind ganz weich; ich muß mich neben der Telefonzelle auf die Bank setzen. Jetzt ruft er die Eltern an sagt ihnen: „Wir sind angekommen.“ Was werden die sich freuen!
Da fällt mir unser Knast-Durchhaltespruch wieder ein: „Noch eh die Blumen sprießen, sind wir in Gießen.“ Naja, es wurde zweimal Sommer und zweimal Herbst.
Zurück im Zimmer haben wir einen Laufzettel bekommen mit den Stationen, die wir alle durchlaufen müssen. Anmeldung, Polizei, Arzt, Arbeitsamt und auch BND. Im Knast war es oft Gesprächsstoff, im Lager Gießen dürfen wir nichts sagen, dort sei alles durchsetzt mit Stasi. Bei den Stationen dient als Ausweisdokument der lausige Haftentlassungsschein zusammen mit der Entlassungsurkunde aus der ostdeutschen Staatsbürgerschaft.
Beim Arzt das Übliche, Blutdruck, Rücken abklopfen, Ohren hineinschauen und beim Wiegen fragt er mich:
„Wie groß?“ Ich sage:
„1,93“, und er fragt:
„Was glauben Sie, wiegen Sie?“ Ich sage vorsichtig:
„So etwa 87 kg.“ Da lacht er laut:
„Sie wiegen 72 kg, aber es ist alles okay. Futtern sie ordentlich, dann wird alles wieder gut.“
Ich schaue mich bei ihm im Spiegel an: Da ist ein aschfahl-blasses Gesicht mit eingefallenen Wangen und tiefliegenden Augen, trotzdem: Das bin ich. Ich erinnere mich, als ich mich mal in der Stasi-U-Haft im Spiegel angeschaut habe. Damals sah ich darin einen Fremden.
Die Geburtsurkunde, sagen sie, sollen wir uns später von den Eltern schicken lassen. Meine Fahrerlaubnis wird genau inspiziert und ich könne sie sechs Monate nutzen, dann müsse ich sie umschreiben lassen in einen Führerschein.
Zum Abschluß unseres Behördenlaufs bekommen wir eine Urkunde. Da steht, ich bin berechtigt, in Westdeutschland zu leben. Ich bin zu müde, um mich aufzuregen. Bin doch in Deutschland geboren, habe deutsche Eltern und Großeltern, bin in Deutschland zur Schule gegangen, und trotzdem überreichen sie mir einen Wisch: „Du darfst jetzt in Deutschland leben.“
Für die Menschen hier gehört Ostdeutschland nicht zu Deutschland. Deutschland, darunter verstehen die hier nur Westdeutschland.
Wie absurd!
Mir ist es wichtig, unbedingt Seife zu kaufen. Ich möchte mal endlich wieder anders riechen. Ich freue mich auf das Duschen.
Und dann gehen wir in die Stadt, Gänsebraten mit Klößen essen!
Aus dem Lager heraus finden wir keine Gaststätten. Wir sind wahrscheinlich außerhalb der Stadt irgendwo am Rande. Wir laufen lange an Schienen und Lagerhallen vorbei, bis wir endlich eine Gaststätte sehen.
Auf die Idee, nach einem Bus oder einer Tram zu suchen, kommen wir nicht, auch ein Taxi kommt uns nicht in den Sinn. Wir waren zu lange unter Kuratel und noch nicht wieder ganz aktive Menschen.
Wir gehen hinein, nur der Wirt ist da. Er steht hinter dem Tresen. Alles sieht aus, als ob es auch eine Kneipe in Eisenach sein könnte, nur steht über dem Tresen nicht „Wartburg Bier“, sondern „Licher Bier“. Wir setzen uns, sind vom Lager bis hierher nur ca. drei km gelaufen und schon am Ende unserer Kondition. Ich fühle meine Beine kaum noch, bin total schlapp. Zu lange zu wenig Bewegung.
„Können Sie uns bitte die Karte bringen?“
Er bringt uns eine kleine Mappe und ich bestelle zwei Bier. Drei Minuten später bringt er uns zwei kleine Gläser Bier. Erst schaue ich auf die Gläser, dann zum Wirt:
„Wir hatten keine kleinen Biere bestellt!“
„Das ist die normale Größe. Möchtet ihr ein großes Bier?“
„Nein, danke, ich habe mich nur gewundert.“
Wir stoßen an. Ach, welch ein herrliches Gefühl, das Bier, so kühl, leicht bitter, wie es beim Schlucken kühl im Magen ankommt. Eine unendliche Wohltat. Lange, lange ist es her!
Mein letztes Bier fällt mir ein, hatte ich in Prag, am Wenzelsplatz, in so einer dunklen böhmischen Kneipe. Wir suchen in der Karte nach Gänsebraten und sind völlig verwundert: Den gibt es nicht. Wir fragen den Wirt, der lacht: „Nein, das habe er nicht.“
„Ihr kommt wohl aus dem Lager?“
„Ja“, bestätigen wir.
„Ich kann Euch Hähnchen mit Fritten und Salat anbieten.“
Wir schauen uns kurz an, Hähnchen mit Salat und Fritten?
„Ja, bitte, zweimal und noch zwei kleine Bier.“
Er bringt jedem einen Schnaps:
„Geht aufs Haus.“
Er hat auch einen Schnaps in der Hand:
„Prost und willkommen im Westen. Wo kommt ihr her?“
„Eisenach.“
„Na ja, das ist ja nicht weit von hier.“
„Ja, wenn nicht der Stacheldraht wäre“, antworte ich ihm.
Aber er ist schon ab zur Küche.
Der Schnaps geht sofort ins Blut. Ich spüre, es fühlt sich an, als ob ich mehrere Bier getrunken hätte.
„Wir vertragen nichts mehr“, sagt mein Bruder, „den Gänsebraten, den holen wir nach. Den essen wir jetzt jedes Jahr am 5. September.“
Darauf prosten wir uns wieder zu, auf unseren ersten Tag in Freiheit.
Damit ist das kleine Bier aber auch schon ausgetrunken.
Mit den Hähnchen kommt auch die zweite Runde Bier.
Unser erstes Essen hatten wir uns anders vorgestellt.
Aber es schmeckt lecker, so viel Fleisch. Jeder hat ein halbes Hähnchen.
Ich kichere:
„Meine Weihnachtsroulade im Knast war so groß wie mein kleiner Finger.“
Wir müssen lachen und sind nach dem zweiten Bier und dem Schnaps schon beschwipst.
Wir zahlen, der Wirt lacht, weil wir kaum geradeaus gehen können. Es ist bestimmt nicht das erste Mal, daß so abgemagerte Gestalten zu ihm ins Lokal kommen.
Selig und satt schwanken wir gen Lager und freuen uns aufs Bett.
Morgen sind wir hier raus und Friedolin holt uns ab. Im Bett erzählen wir noch eine Weile. Maximilian erzählt, ihm hätte der Meister eine Kiste defekter Teile zum erneuten Überprüfen hingestellt und auf deren Boden hätte er den Arbeitszettel von Friedolin gefunden. Also hat er in der gleichen Abteilung, sogar an der gleichen Maschine wie vor Jahren, sein Bruder gearbeitet und der hatte damals gezielt Ausschuß produziert. Darüber müssen wir lange lachen.
Ich habe Angst vor dieser Begegnung. Wir hatten die Flucht gemeinsam geplant. Wir hatten beide Angst vor dem Einberufungsbefehl zum Grundwehrdienst. Wenn der im Briefkasten liegt, hätten wir nicht mehr fliehen können. Er wollte nur noch mal kurz nach Ostberlin, Freunde treffen. Er würde sich bald melden, aber dann hat er sich nicht mehr gemeldet und wie befürchtet, lag meine Einberufung im Briefkasten. Deshalb landete ich bei der Armee bei meinem Grundwehrdienst und er floh heimlich ohne mich in den Westen. Und während ich bei der Armee war, wurde er geschnappt, saß in U-Haft, Haft und Cottbus. Während ich immer noch bei der Armee war, kam er frei und wurde wie wir heute nach Gießen entlassen. Er hatte mich im Stich gelassen und verraten. Er war doch mein älterer Bruder, dem ich immer vertraut hatte. Wie würde es sein, geht es mir durch den Kopf?
Es nicht ansprechen, einfach so tun, als ob es nie geschehen wäre?
So ist es am besten, denke ich!
Ich nehme mir vor: Ich werde es in mir vergraben, will nie wieder darüber sprechen. Dabei tut es höllisch weh, ich spüre es ständig, so wie ich immer auch meine Beine oder meine Arme spüre. Ich vermute, er schämt sich. Er wird mir nicht in die Augen schauen können.
Ich lausche. Im Knast war es nachts absolut still, nur vorher in der U-Haft, wenn sie nachts Gefangene zum Verhör holten, dann war da dieses harte Klappen der schweren Zellentüren zu hören und das Auf- und Zuschnappen der Riegel. Und hier, da unterhält sich jemand auf dem Flur. Wir können das Licht an- bzw. ausmachen und niemand schaut durch einen Spion herein.
Ich könnte aufstehen, selbst die Tür öffnen und sogar hinausgehen.
Ein seltsames Gefühl, darüber schlafe ich ein … ohne Bettbezug.
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