Schwer melancholische Klänge wecken mich. Eine Violine führt eine düster schwere Melodie, klagt, wie traurig alles ist. Nach vielen Takten antwortet ihr das Orchester:
„Ach komm doch wieder hoch, mach’ dich doch wieder auf!“, und die Bässe wiederholen es mit tiefem, schwerem Brummen:
„Ach komm doch wieder hoch, mach’ dich doch wieder auf!“
Daraufhin gehen die trübsinnigen Klänge der Violine langsam in helleres Singen über. Erst bin ich mir nicht sicher, dann na klar:
„Mendelssohn Violinkonzert e-moll.“
Es pfeift ein Wasserkessel. Isa brüht Kaffee. Ich bleibe liegen. Wieso habe ich beim Hören von Musik solche gegenständlichen Assoziationen? Musik ist Humus für mein Gehirn, gewonnen aus dem Kompost meiner ??? Ja was? Da fällt mir kein passendes Wort ein.
Isa reicht mir eine große Tasse Kaffee, setzt sich zu mir ans Bett und lächelt.
Ich trinke den Kaffee und lasse meine Gedanken weiter mit der Musik treiben.
Gestern habe ich den letzten Tag die Zwo-sieben gefahren, bin dann mit einer Flasche Sekt statt in meine Kammer, zu Isa gegangen und habe sie geweckt. Wir haben die Flasche geleert, auf einen neuen Lebensabschnitt angestoßen und sind wie vertraut, ganz selbstverständlich zusammen ins Bett gegangen. Ich war so aufgedreht, fast überdreht, und habe Isa, die schon ruhig an meiner Schulter lag, meine Gedanken zu Religion erklärt. Mir war auf dem Heimweg von Paris ins Bewußtsein gekommen: Wieso die ständige Gegenwart von Kirchen? In Paris war alles voll davon. Warum? Woher kommt Religion? Und habe daraufhin auf meinen Spaziergängen mit Mira ständig darüber nachdenken müssen. Warum? Auch weil Glaube an einen Gott ein Gefühl ist und ich es nicht einordnen kann, weil ich es nicht habe.
„Was habe ich heute Nacht über Religion gesagt?“, frage ich Isa.
„Du hast mir erklärt, Religion sei entstanden als seelische Schutzhaube vor der unfaßbaren Ewigkeit und der unendlichen Weite des Firmaments. Sie gibt denen Halt, die es brauchen. Sie hilft bei der Angst vor der körperlichen Auslöschung, bei der Vorstellungen, die eigene Person vergehe mit dem Tod ins Nichts. Deshalb entstand schon in den allerersten Urgesellschaften die Vorstellung, die Seelen würden weiterleben. Dazu muß es logisch einen Chef geben, und so erschufen sie sich ihre passenden Götter. Dann hast Du darüber geredet, Du hättest das ewige Leben, weil: Deine Atome blieben immer erhalten, ob jetzt als Person oder später als Kompost im Garten - aber ich bin dann irgendwann eingeschlafen.“
„Darf ich Dich zum Frühstück ins Brazil einladen?“, frage ich Isa.
„Danke, geht nicht, ich habe Proben“, antwortet sie und wendet sich ab, packt Unterlagen in ihre große Umhängetasche, schaltet das Radio aus und schaut mich auffordernd an, aufzustehen.
Bis eben hatte ich in mir wieder das starke „Wir“-Gefühl. Jetzt muß ich schlucken und erinnere mich: Es gibt kein ‚Wir‘, es gibt kein Zwischenspieltheater. Alles ist fragil. Nichts sagen und nur nichts fragen!
„Dann nehme ich Mira heute mit.“, sage ich.
„Aber gerne, dann bis heute Abend hier“, und geht.
Nach der Parisreise habe ich meinen VW-Käfer, BJ 1957 mit Faltschiebedach, den ich für 400 DM gekauft hatte, für 1200 DM verkauft. Ist alles korrekt gewesen, ich habe viel investiert, er war sogar neu lackiert in der VW-Originalfarbe. Dann habe ich zusammen mit Ingo einen günstigen gebrauchten Citroën CX 2000 gekauft. Das war das einfachste Modell, leider ohne Servolenkung.
Isa und ich? Brutto und netto! Ich wohne bei Ingo in der Kammer. Bin bei Isa, oft nur, weil sie Hilfe braucht. Als einmal Isas Golf in der Werkstatt war und sie sich den Citroën ausgeliehen hatte, rief sie in der Taxizentrale an und bat um Hilfe. Sie war am Hugenottenplatz in die Tiefgarage der Sparkasse gefahren, kam aber ohne Servo aus der engen Parkbucht nicht wieder heraus.
Vorhin habe ich wie vereinbart Mira abgegeben, sie noch gefüttert und bin dann gegangen. Mein Taxifahren ist beendet, somit sind die Nächte wieder frei. Erst nächste Woche, auf zum Film! Weil ich einen Moment nicht weiß, wohin heute, gehe ich in die Freiburg. An einem der Tische sitzt einer der Schauspieler, der bei Operetka mitmacht. Ich setze mich zu ihm. Er erzählt:
„Es gibt viel Streit. Kein Vergleich zu damals, zu unserer Andorra-Produktion“, und klopft mir dabei kameradschaftlich auf die Schulter und ergänzt: „Ja, Mira ist immer dabei, das ist geblieben.“ Dann geht er und ich bestelle mir noch ein Helles und dazu eine Currywurst.
Es ist wenig los, ich bleibe an meinem Tisch allein mit meinem Bier. Das tut mir gut. Ich denke nach. Ist es eigentlich möglich, nichts zu denken? Irgendetwas blubbert doch immer im Kopf herum. Und wenn es der Gedanke ist, man würde nichts denken. Dabei wird mir klar: Nichts existiert im leeren Raum. Alles hat eine Vorgeschichte. Die Ursache verbirgt sich hinter dem Ereignis. Bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen ist niemand böse. Es klingt kitschig, es berührt und es ist richtig. Der kleine Prinz hat es gewußt:
„Man sieht nur mit dem Herzen gut.“
Ich muß Ingo unbedingt den Film ‚Die Legende von Paul und Paula‘ vorstellen. Darin die Szene mit dem Beethoven-Violinkonzert. Das ist nicht Schnitt auf den Rhythmus der Musik, das ist Schnitt auf den Rhythmus der Seele. Und Angelika Domröse ist unbeschreiblich innig. Darauf die Vokabel ‚vollendet‘ zu verwenden, ist viel zu banal.
Ja, der Rhythmus der Seele?! Damals, es war an der Wohnungstür meiner Wohnung in der Elisabethstraße, ein paar Wochen bevor ich sie gekündigt hatte. Die Ursache, da kann ich mich nicht mehr erinnern. Wir hatten oft aus unerklärlichen Gründen Streit. Unsere tiefen Schreiereien, wenn sie in existentielles Brüllen übergegangen waren, hatten dann keinen Inhalt mehr. Isa stand vor meiner Wohnungstür, trommelte gegen die Tür, wollte unbedingt hinein. Ich weiß nicht, warum. In mir sträubte sich alles: nur das nicht! Gellendes hysterisches Geschrei! Davor habe ich Panik und irgendwann später erinnerte ich mich beim Nachdenken über diesen Vorfall noch an eine ähnliche Begebenheit aus meiner Kindheit, als ich mich in meinem Zimmer eingeschlossen, mein Vater gegen meinen Willen in mein Zimmer wollte und dabei die Tür eindrückte.
An der halb geöffneten Wohnungstür gab es eine heftige Rangelei. Ich wehrte Isa immer wieder ab und drängte sie am langen Arm hinaus, bis ich endlich die Tür ganz schließen konnte. Danach saß ich mit dem Rücken an die Tür gelehnt am Boden. Draußen war es ruhig geworden. Vielleicht saß Isa auch am Boden, vielleicht war sie gegangen. Mir war übel. Ich habe mich vor mir selbst geschämt. Wie konnte mir das passieren? Wieso habe ich sie nicht hereingelassen und in den Arm genommen? Wieso tat ich genau das völlig Falsche? Was war die Ursache in mir?
Damals war nur Brummen und Dröhnen in meinem Kopf. Und jetzt kommt mir die Idee: Könnte alles einen Rhythmus haben? Ich überlege: Welchen Rhythmus hat die Seele, welchen Rhythmus hat die Kraft, in welchem Rhythmus wachsen Gedanken? Warum interpretierte ich es damals als Aggression, vor der ich mich schützen mußte, und dabei war es ein gellender Hilferuf? Ich hätte helfen sollen, müssen, können?!
Isa hatte in den darauffolgenden Tagen in unserem Freundeskreis erzählt, ich sei gewalttätig, böse und hätte sie geschlagen. Ganz aufgeregt war sie bei der Jurastudentin, so hörte ich, und wollte ins Frauenhaus.
Wir haben dieses Ereignis nicht aufgelöst, nur verkapselt abgelegt. Sie wird mir bestimmt in späteren Auseinandersetzungen diese Vorwürfe wiederholen:
„Du bist gewalttätig!“
Welche tiefere Verletzung ist bei Isa die Ursache, die Rangelei an der Tür zu Gewalt zu erhöhen?
Und welche Ursache hat meine peinliche Unfähigkeit, sie in ihrer Rage nicht in den Arm nehmen zu können?
Um sich selbst in Frage stellen zu können, braucht man Selbstbewußtsein. Hat man aber kein Selbstbewußtsein, weil man ein Manko hat oder einem die Seele beschädigt wurde, baut man sich eine Fassade, um sich dahinter verbergen zu können. Da bleibt keine Kraft, sich in Frage zu stellen.
Ich kann meinen Partner nur verstehen, wenn ich bei meinem Nachdenken über ihn mit meinem Herzen schaue. Was sehe ich, wenn ich das Böse ausblende? Ich sehe ihre Angst.
Bei meinem dritten Hellen fange ich an und stelle mich in Frage:
„Kann es sein, täusche ich mich derartig über mich? „Bin ich nicht gut, sondern ein bösartiger, gewalttätiger Mann?“, sage ich fast laut vor mich hin, „oder? Oder ist es anders: Warum muß sie mich als böse hinstellen? Wozu muß ich in ihren Augen böse sein? Bin ich die Projektion eines erlittenen Unheils?“ Isa sagte mal:
„Wir sind zwei verletzte Seelen, die sich gefunden haben!“
Bin ich der Stärkere und muß für uns beide den Weg herausfinden? Sollte ich mal anfangen, meine drei Ringe zu analysieren?
Es ist spät, der Wirt will schließen. Zu Isa oder in meine Kammer?
Mit drei Bier ist es besser, ich gehe in meine Kammer.
Der Filmjob beginnt. Es ist wunderbar. Ich fahre einen VW-Bulli, werde zum Nürnberger Flughafen geschickt, um Dietmar Schönherr abzuholen. Fahre mit Udo Samel zu einer Schneiderin, mit Peter Franke nach München in die Maximilianstraße zu einem Optiker, bei dem er Spezialkontaktlinsen bekommt. Die bewirken: Er sieht aus wie ein Blinder. Sitze in der Mittagspause neben Ulrich Wildgruber, werde vom Kameramann Gérard Vandenberg angesprochen, ich hätte ein gutes Gesicht. Was immer er damit auch gemeint hat, es hat sich mir eingeprägt. Der Film handelt vom Bauernkrieg, dem Moment, wo Bauern sich erheben und anfangen, zu kämpfen. Das ist doch mein Thema: der Moment, an dem Passive zu Aktiven werden. Das zeigt der Film nicht, er zeigt den Krieg und reduziert den Inhalt auf Klassenkampf. Ich wäre mit der Lupe, mit dem Skalpell an den Moment gegangen, an dem die Wut in Aktion umgeschlagen ist. Aber wer bin ich, an Christian Ziewers Regie Kritik zu äußern? Sechs wunderbare Wochen in der Fränkischen Schweiz auf dem Walberla. Zum Schluß darf ich als Komparse noch einmal in einer wilden Bauernhorde mitrennen.
Das tat gut, tagsüber zu arbeiten. So blieb abends Zeit für meine Spaziergänge mit Mira.
In meinem Kopf arbeitete ich bereits am Gedankengerüst zu Babeurreville. Will viele Gedanken über Begehren, Lieben und davon den Gegenpart, geliebt zu werden, notieren. Will den Gedanken ausformulieren: Liebe kann auch ausgelöst werden, weil man von jemandem geliebt und begehrt wird, weil man sich geschmeichelt fühlt, und deshalb auch so etwas wie Gegenliebe entwickelt. Ist die dann echt? Begehren und Liebe, worin besteht der Unterschied, wo ist der Übergang?
Nur sehr selten kam Isa mit auf die Hundespaziergänge. An diesem Tag war sie neben mir. Ich erzählte von meinen Überlegungen. Sie hörte zu und bestätigte:
„Ja, es könnte sein“, blieb plötzlich stehen und redete weiter, ohne mich dabei anzusehen:
„Ich hatte Sex mit dem Graphiker, der das Plakat für Andorra gemacht hat.“ Ich sah ihr an: Sie war erleichtert, es gesagt zu haben. Ich mußte lachen, ich war in keiner Weise eifersüchtig. Sex gehört meiner Meinung nach nicht in den Bereich dessen, was ich zum innigen ‚Wir‘ gehörend sehe. Sex gehört in die Sphäre ‚wir als Säugetiere‘ und unser seelisches ‚Wir‘ liegt aber nur in dem kleinen heiligen Bereich des Seins, der dem entspricht, von dem Kant behauptet, er sei steuerbar. Nur bei einem Verrat in diesem winzigen Seelenort würde ich Schmerz und Eifersucht empfinden. Deshalb sagte ich und schmunzelte dabei:
„Nein, ich bin nicht eifersüchtig! Es war hoffentlich schön und Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben!“ Sie lächelte zurück und hatte dabei einen trotzigen Zug um den Mund.
„Nein, ich bin nicht eifersüchtig, warum auch?“, dozierte ich, „vielleicht ist es meine romantisch überhöhte Vorstellung vom ‚Wir‘. Millionenfach gibt es auch beim Menschen das Schwanen-Paarverhalten. Wahrscheinlich von dem gleichen Gen gesteuert. Ich glaube, es gibt ein noch viel intensiveres „Wir“, das hebt sich ab von dem des Schwanen- und genhaften Paarverhaltens. Ich empfinde es als den inneren Kern der Seele. Es hat etwas mit einer willentlichen Entscheidung zu tun. Einer Entscheidung aus dem winzigen Teilbereich unseres Willens, der wirklich frei ist.“
So hatte ich es oft im Stillen gedacht und damals zum ersten Mal offen ausformuliert. Es fühlte sich groß und richtig an.
Ich nahm Isa in den Arm, bis es warm wurde.
Nach unserem Filmjob vom „Tod des weißen Pferdes“ fahren wir zu meinem Vater. Wir wollen das Drehbuch schreiben. Im Auto gut verstaut: die Schreibmaschinen und genügend Papier. Mira durfte ich nicht mitnehmen, wir stritten darum. Ich argumentierte, ich hätte die Idee gehabt und hätte den Welpen bezahlt. Isa sagte dazu nichts, blieb ohne Begründung einfach stur:
„Mira, bleib bei mir!“
Jetzt hätte ich Gewalt anwenden müssen. Mir fiel der kaukasische Kreidekreis ein, auch wollte ich nicht einen endgültigen Bruch provozieren, und gab nach.
Wir hatten während des Filmjobs gute Kontakte aufbauen können. Mit diesen neuen Kontakten in die Filmbranche, sehen wir uns schon einen wichtigen Schritt weiter. Mein Vater hatte nach einem Jahr Wartezeit eine Pfarrstelle in Hessen bekommen. Er bekam ein großzügiges Pfarrhaus in einem kleinen Dorf im Landkreis Sontra. Zu seinem Sprengel gehören noch zwei weitere Dörfer. Wir haben alle laut gelacht, als wir das gehört haben. So ist der Radius seines Wirkungskreises nie weiter als 150 km um die Wartburg herum. Sein Geburtsort Reudnitz bei Greiz und die Kleinstadt Allstedt, wo er aufwuchs, liegen alles in diesem Radius. Auch jetzt sein Dorf, es ist nur 35 km von der Wartburg entfernt. Ein Katzensprung – ja, wenn da nicht der Eiserne Vorhang wäre!
Offensichtlich habe ich mein Nomadengen nicht von ihm geerbt.
Wir fahren auf der Autobahn A7 gen Norden, biegen nach Fulda am Kirchheimer Dreieck ab auf die A4 Richtung Eisenach:
„Bei den Hinweisschildern ‚Eisenach/Erfurt‘ wird mir immer noch mulmig. Die sehen so normal aus, als ob es den Eisernen Vorhang und all den Stacheldraht nicht gäbe“, sage ich zu Ingo.
„Ich habe für uns eine besondere Strecke ausgesucht, einem Film folgend“, antwortet Ingo und geht nicht auf mich ein. Wir biegen nicht, wie gut ausgeschildert in Bad Hersfeld, auf die B27 nach Eschwege ab, sondern fahren weiter auf Eisenach, auf die Zonengrenze zu. Erst kurz vorher verlassen wir die Autobahn. Es geht immer an der Zonengrenze entlang. Ab und zu kommen wir so dicht an die Grenze, können deutlich den grauen hohen Stacheldrahtzaun mit seinen Wachtürmen sehen.
„Auf der Ostseite, da ist noch der Todesstreifen“, erkläre ich Ingo. Er nickt nur. Dann kommen wir zu einem großen verlassenen Parkplatz. Ingo fährt darauf und wir steigen aus.
„Genau hier ist ein Drehort einer Szene aus Wim Wenders’ Film ‚Im Lauf der Zeit‘“, erzählt Ingo. „Der handelte von einem Kinoenthusiasten, gespielt von Rüdiger Vogler, der mit seiner Werkstatt, einem alten MAN-Möbelwagen, am Zonenrandgebiet entlangfährt und in den Dorfkinos die alten Projektoren repariert. Er reist zusammen mit einem Kinderarzt, gespielt von Hanns Zischler, den er unterwegs bei dessen mißlungenem Selbstmordversuch aufgesammelt hat. Der Film ist vielschichtig und handelt von der Kluft zwischen Männern und Frauen. Die Kommunikation zwischen den beiden Männern ist spärlich: Sprachlosigkeit und Schweigen. Es ist ein Roadmovie, für dieses englische Wort gibt es keine deutsche Übersetzung“, holt seinen Photoapparat aus dem Citroën, „eine Szene ist genau hier“, deutet auf einen alten Imbißwagen, der an der Stirnseite steht, und knipst davon ein paar Bilder. Wir steigen ein und fahren weiter.
„Das ist mir eingefallen, als ich auf der Straßenkarte Sontra gesucht habe und mich an den Film erinnerte. Da es für uns kein großer Umweg ist, dachte ich, es sei toll, ihn zu besuchen.“
Es ist schon spät, als wir ankommen. Das Pfarrhaus meines Vaters finden wir am Rande des Dorfes, ein Neubau in den Hang hineingebaut, mit Garage auf der einen und einer Terrasse auf der anderen Seite. Es steht schräg am Hang, der untere Teil das Amtszimmer, daneben ein kleines Büro, und über eine breite Steintreppe im Haus geht es in die Dienstwohnung. Wir bekommen jeder ein Zimmer. Ich wohl das Kinder- und Ingo das kleinere Gästezimmer.
Für uns hat er ein Abendbrot vorbereitet. Ein seltsames Gefühl. Eine kurze Erinnerung an mein Kindsein. Nach den vielen Jahren: das zerrissene Land, das zerrissene Leben. Es war ein anderes Leben, ein anderer Planet, als ich das letzte Mal mit meinem Vater zu Hause am Abendbrottisch gesessen habe. Für uns gibt es Bier. Er hat eine Flasche Wein vom Kaiserstuhl geöffnet. Großvater, erinnere ich mich, erwähnte, er führe in den Kaiserstuhl, um seinen Wein zu kaufen. Hat für meinen Großvater das Wort Kaiser den Ausschlag gegeben, eine kleine versteckte Sehnsucht. Nimmt mein Vater diesen Wein, weil er ihn an seinen Vater erinnert?
Zum Frühstück der Kaffee: echte Plörre. Wir richten uns jeder einen Schreibplatz ein. Ingo hat seine Schreibmaschine im Wohnzimmer aufgebaut, ich meine in dem kleinen Büro. Im Amtszimmer der große Schreibtisch, der auch in Eisenach im Amtszimmer stand. Ein geschichtsträchtiges Stück, hat wohl mit der Gründung der Versicherung Bruderhilfe zu tun. Auch die beiden Brautpaarstühle aus Eisenach stehen hier. Mir waren sie beim Ausladen, damals in Erlangen, nicht aufgefallen. Da will ich mich nicht setzen, obwohl er es mir angeboten hat.
Der Kühlschrank ist voll mit kleinen Essensportionen in Tupperware, die Vater aus dem Krankenhaus mitbringt. Dort ist er Krankenhausseelsorger und das Küchenpersonal hat ihn offensichtlich ins Herz geschlossen. Das Essen ist nichts für uns: Wir kaufen richtig ein und vor allem einen Kasten Bier. Im Ort nichts, wir müssen bis Sontra fahren, kaufen auch Kaffee, einen Filter und dazu die Tüten, um richtig Kaffee brühen zu können. Einem eingefleischten Teetrinker kann man Kaffeekochen nicht beibringen.
Hinsetzen, einfach losschreiben, funktioniert nicht. Ingo hat sich eine Flasche Bier geöffnet und läuft die kleine Straße vor dem Haus auf und ab. Ich hole aus der Garage den Rasenmäher, Zündkerze reinigen, Benzin auffüllen und mache mich daran, die Wiese am Hang zu mähen.
Dann finden wir einen Weg, eine Einstiegsidee. Ich schreibe einen Dialog, wie die beiden die junge Frau, wir nennen sie Christiane, im Fenster gegenüber entdecken und vereinbaren, sie zu verführen. Ingo nimmt sich die nächste Szene, in der sie vereinbaren, sich wie Gentlemen zu verhalten. Später wollen wir die Geschichte sich entwickeln lassen, ob wie Ingo vorschlägt eine Ménage-à-trois oder wie ich empfehle einen Wettbewerb, werden wir sehen. Wir lesen uns die Szenen abends vor und tauschen auch mal Szenen aus, damit sie der andere überarbeitet. Es ist wunderbar. Bald schon müssen wir wieder los, einen neuen Bierkasten besorgen. Die Handlung entwickelt eine eigene Dynamik. Jeder von uns bringt eine Menge eigenes Herzblut ein und entwickelt echte Gefühle für das Mädchen von gegenüber. Sie existiert ja real. Jetzt paßte weder das eine noch das andere Filmende. Wir sind so intensiv im Geschehen, sehen es fast als Wirklichkeit. Beide Lösungen würden verletzen. Ein neuer Filmschluß muß her. Wir entwickeln einen romantischen Abschied, den Christiane, die die beiden Männer durchschaut hat, inszeniert. Sie geht erst mit dem einen zum erotischen Frühstück ins Bett und mit dem andern zum erotischen Abendessen. Am nächsten Tag ist sie abgereist.
Das gefällt uns. Über die Musik machen wir uns Gedanken, können aber keine konkreten Beispiele auswählen. Die Schallplatten und auch der Plattenspieler haben den Umzug aus Eisenach nicht überlebt, sind verschwunden. Mein Vater lebt ohne Musik. Wir haben im Ohr eine Rotweinszene mit Kerzen und Leonard Cohen. Meinen Vorschlag eines romantischen Spaziergangs mit Klängen von Jean-Michel Jarres „Oxygen“. Das findet Ingo völlig daneben. Eine Spaziergangszene mit Edvard Griegs Morgenstimmung gefällt nur kurz, dann verwerfen wir sie, klingt zu sehr nach Margarinenwerbung. Wir verschieben das Musik-Thema auf später, wenn wir wieder daheim sind. Im Geheimen nehme ich mir vor, etwas auszuprobieren und dann erst darüber zu sprechen. Bei Paul und Paula ist es das Beethoven-Violinkonzert, das kennt jeder, das pfeifen die Spatzen von den Dächern. Ich will schauen, ob ich Bildern Seele einhauchen kann mit der weichen Violinromanze Nr. 1 in G-Dur von Beethoven. Ich kann mich nicht genau an das Thema erinnern, würde es im Radio nicht sofort wiedererkennen, aber in meinem Gehirn, in einer tiefen Ecke, ist die Erinnerung an weiche, schwebende Klänge, die mitnehmen und Gefühle in Schwingungen versetzen.
Abends sitzen wir zu dritt zusammen im Sofaeck und quatschen.
Ich kenne meinen Vater im schwarzen Talar, um den Hals das oft erst in letzter Minute gebügelte Beffchen, in der Kirche am Altar, vor seiner Gemeinde. Predigen, taufen, konfirmieren und zum Schluß jedes Gottesdienstes, mit ausgebreiteten Armen die Gemeinde segnend. Hier und jetzt redet er über Dr. Eric Berne, die Transaktionsanalyse, das Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich, Kind-Ich und seine Arbeit als Krankenhausseelsorger. Er hat sich in den Jahren, in denen wir keinen oder kaum Kontakt hatten, vom Pfarrer zum Therapeuten gewandelt, sieht seine Aufgabe umfassender. Ich bin erstaunt, finde den Hinweis auf Hintergründe bei Kommunikationsproblemen sehr interessant, frage aber nicht nach, möchte es für mich allein herausfinden und vertiefen. Sein pastorales Dozieren nimmt mir die Freiheit, mich langsam und auf meine Art dem Thema zu nähern. Ob es eine Hilfe bei der Lösung der Probleme zwischen Isa und mir sein könnte, das möchte ich allein herausfinden.
Ein anderer Abend, wir kommen wieder auf den Grund eines Themas. Eigentlich erzählt mein Vater vom kleinen Grenzverkehr. Er darf mit einem Mehrfachberechtigungsschein einfacher nach Drüben fahren und seine ehemalige Gemeinde in Eisenach besuchen. Das bringt uns weiter zum Thema Stasi-Beobachtung, Spitzel, Agenten und was das mit den Menschen macht.
Moralisch einfach ist es für die, die bespitzelt werden. Sie fühlen sich ethisch gut, richtig und sauber. Ihr Feindbild korrekt: Der Spitzel ist böse.
Anders bei den Stasi-Mitarbeitern. Die Bevölkerung ist durchseucht damit. Jeder 10. Ostdeutsche arbeitet direkt oder indirekt für die Stasi. Davon ist ein kleiner Teil überzeugte Kämpfer. Die sehen sich im Kampf für etwas Gutes und gegen die Bösen. Für die ist logisch: Der innere Feind muß ausspioniert werden!
Das ist ethisch vielleicht noch zu verstehen.
Jetzt wird es kompliziert. Diejenigen, die es tun, weil sie den Judaslohn, die Silberlinge annehmen, weil sie sich einen Vorteil erhoffen, weil sie es einfach ohne Skrupel tun, weil sie vielleicht erpreßt werden, sie alle wissen um den ethischen Aspekt. Ein Spitzel, ein Verräter ist immer ein böser Mensch. Wie es diesen Menschen geht, will ich erst recht nicht wissen. Das sind Täter! Mir geht es um die Angehörigen. Was ist, wenn die in der Familie so einen Täter haben? Fühlen die Scham? Oder Ablehnung? Mir wird plötzlich siedend heiß, ich verstehe einen viel schlimmeren Aspekt und spüre, ich habe Glück, bin nicht betroffen. Bei uns hieß es: „Wir machen da nicht mit.“ Weder bei Hitler noch bei Honecker. Auch bei den Großeltern war das so. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Was spürt man, wenn man bei den Eltern und Großeltern aber solche Täter hat, die ethische Feiglinge oder sogar Schweine waren? Dann trüge man diese Gene auch in sich, wäre auch in Teilen des Seins ein Feigling und Schwein? Wie müssen sich diese Menschen fühlen? Natürlich sind die Kinder nicht für die Taten der Eltern verantwortlich, aber sie tragen es in sich. Spüren und entwickeln sie einen Ekel vor sich selbst? Mein Vater hat zwei Antworten darauf:
– als Pastor: die Liebe und Vergebung Gottes.
– als Therapeut: das Vergeben lernen, auch den eigenen Vorfahren.
Ich schweige, habe keine Antwort, mir macht die Dimension dieser Aspekte Angst. Wie Vorteile durch genetische Auslese vererbt werden, wird auch miese, feige Ethik vererbt, breitet sich immer weiter aus. Es muß eine Gegenkraft geben, sonst wäre die Erde schon eine Hölle.
Für heute Abend machen wir Schluß. Ingo ist ganz aufgekratzt. Vielleicht hätte er solche Abende auch gerne mit seinem Vater gehabt.
Unser nächster Abend ist nicht weniger spannend. Mir hatte das Thema „die Wirkung der genetischen Auslese“ keine Ruhe gelassen. Ich dachte sogar darüber nach, es in eine Szene einzuarbeiten. Doch in eine leichte Komödie gehört kein Tiefgang. Also bin ich nachmittags auf einen langen Spaziergang los. Hinterm Haus fangen die Felder an. Laufen ohne Mira, ist schon komisch.
Ich habe abends das Gespräch eröffnet mit der heftigen Aussage:
„Die genetische Auslese hat die Aggressivität in unseren Genen so stark angereichert, wir sind zu einer Monsterspezies geworden. Wir sind nicht nur die Raubtiere an der Spitze der Nahrungskette, unser Verhalten geht weit über das normale Verhalten eines Raubtiers hinaus. Niemand außer uns foltert – keine andere Spezies! Das ist außerhalb der Regeln der Nahrungskette. Es ist sogar weit außerhalb eines vorstellbaren Tuns. Trotzdem: Wir tun es millionenfach. Es ist uns eine normale Handlung, vor der wir keine Beißhemmung haben. Irgendwann, irgendwo in grauer Vorzeit hat es angefangen. Da hat ein Mensch einen Menschen gefoltert.
Meine Frage: Wenn wir so monsteraggressiv böse sind, wieso haben wir uns noch nicht ausgelöscht? Was ist die bremsende Gegenkraft?“
Langes Schweigen. Schon lange bewegt mich eine Überlegung: Die Religion ist diese Gegenkraft nicht. Ich konnte bisher keine Logik finden, es war alles nur ein Gefühl. Weil niemand das Schweigen unterbricht, rede ich ins Blaue drauflos, wobei mir ein alter Gedanke aufsteigt: Wir suchen in die falsche Richtung. Nach einem tiefen Schluck Bier versuche ich meine These:
„Wir suchen schon, seit wir darüber nachdenken, was gut und was böse ist, nach der Herkunft des Bösen, um es zu bekämpfen. Wir wissen, das Böse haben wir, der Auslese eines Naturgesetzes folgend, in unseren Genen angereichert und fest verankert. Das Böse zu bekämpfen, hat nicht funktioniert. Jetzt sollten wir nach dem Guten suchen, um es zu fördern.“ Ich schaue meinen Vater an, er ist entspannt und neugierig, so traue ich mich, ein heißes Eisen anzusprechen:
„Die Religion ist es nicht!“, und dabei schauen wir uns in die Augen.
„Ich weiß, Du trennst Glaube und Religion von der Institution Kirche. Du siehst Martin Luther als positiven Reformator, in der guten Tradition, gegen institutionelle Mißstände anzugehen, und glaubst deshalb an die Selbstheilungskräfte der Kirche.“ Ich brauche wieder einen tiefen Schluck.
„Nein, darum geht es nicht. Klar, Franz von Assisi, Melanchthon und andere Humanisten haben als Christen gewirkt, aber was ist, wenn dieses Wirken unsere Suche nach den Ursachen nur vernebelt hat?
Schauen wir auf den Berg Sinai. Dort wurden Gesetze übergeben. Von außen auf uns Menschen übertragen. Wenn ich mal ketzerisch überlege: Wer war dieser Gott, der da herabgestiegen sein soll? Es gibt in diesem Universum Trilliarden Sterne, umkreist von Planeten, auf denen viele andere Zivilisationen existieren. Ist unsere Erde sein Spielball? Hat dieser Gott alle Planeten im Blick und kümmert sich, nachdem er bei uns das hochkomplexe irdische Lebenssystem geschaffen hat, um solch niedere Probleme wie die Gebote oder darum, wer wann wie zu beten und welche Kleidung er dabei zu tragen hat? Könnte es sein, die Idee um die Gebote habe ihren Ursprung in einer Priesterkaste, die die Notwendigkeit solcher Gebote erkannt und sie, um das Abdriften in den Horror zu verhindern, einsetzte?“
Ich sehe, weder Ingo noch Vater setzen zu einer Antwort an. So rede ich weiter und im Reden, noch während ich spreche, finde ich meine Antwort:
„Die Gesetze vom Berg Sinai kamen von außen, sie enthielten Verbote und Gebote, es beförderte das System: Dämpfe deine Aggressivität, sonst erfolgt Strafe und Vergeltung. Damit sollte Frieden unter den Menschen möglich sein.“
Jetzt muß ich langsam reden, damit ich meine Gedanken beim Reden noch sortieren kann:
„In Florenz, in der Renaissance, entwickelten sich neue Gesetze. Diese kamen von innen, aus den Überlegungen vieler Denker, aus ihrem sich ändernden Bewußtsein darüber, was wir Menschen sind. Diese Regeln waren nicht von oben, von außen auferlegte Gesetze, sondern entsprangen der Würde, die ich für mich brauche und beanspruche und deshalb auch anderen gewähre.
Diese Regeln verbieten nicht das Böse, sondern suchen das Gute, um es zu fördern. Das ist des Pudels Kern und der alte Johann Wolfgang war auch auf der Suche: Was ist das Böse, statt das Gute zu fördern!
Ich bin überrascht. Woher kam aus mir heraus plötzlich diese klare logische Kette von Gedanken? Mein Gehirn: sehr suspekt.
Nach einer langen Pause antwortet mein Vater:
„Die Kritik an der Kirche ist berechtigt. Sie hat mehr Krieg verursacht, als Frieden geschaffen. Sie hat andere Kulturen durch ihren Hochmut, den alleinig richtigen Gott zu besitzen, zerstört. Dieser Anspruch, etwas Besseres zu sein, sich über andere zu erheben, führt zu Arroganz. Diese Arroganz beeinträchtigt die Harmonie in einer Gesellschaft. Da liegt eine Ursache für Konflikte. Aber! Die Kirche ist reformfähig und Glaube ist ein nicht beweisbarer Aspekt im Leben.“
Ingo holt tief Luft. Ich vermute, er ist unsicher, ob er sich in diesen Disput einmischen soll.
„Es ist richtig, die Bilanz der Kirche, der Religionen im Allgemeinen ist negativ. Auch wenn ich Mutter Theresa, Albert Schweitzers Spital in Lambaréné“ (dabei schaut er mich an) und andere wohltätige Dinge einbeziehe. Es wurde mehr Böses als Gutes bewirkt. Es geht aber nicht um Kirche oder Religion, es geht um die Suche nach einer Lösung, damit wir uns nicht gegenseitig zerfleischen. Der eben vorgestellte Ansatz ist neu.
Erstens: Wir müssen uns eingestehen, wir haben die Regeln der Nahrungskette mißachtet und sind durch den Aspekt des Folterns zu Monstern geworden.
Zweitens: Unsere bisherige Lösung, die Suche nach den Ursachen des Bösen, um es zu verhindern, hat nichts erbracht.
Deshalb ist die Suche nach dem Guten, um es zu fördern, die Lösung.“
Er ist dabei aufgestanden und geht vor dem Sofa auf und ab.
„Da ist noch das mit den Gesetzen. Die von oben bestimmten Gesetze säen Zwietracht“, dabei schaut er mich direkt an, „stimmt, Dein Hinweis, die von uns selbst erzeugten Gesetze, die der Renaissance, sind der gesuchte Gegenpol. Überall, wo sie wirken, entwickelt sich Frieden und Harmonie.“
„Habe ich jetzt eine neue Philosophie erschaffen, heißt die dann nach mir?“, mache ich mich wieder mal lustig, um das Ernste aufzulockern.
„Nein“, antwortet mein Vater, „den Renaissancismus, den gibt es schon als Begriff. Aber nachzudenken über die Wirkung von Gesetzen, sie nach ihrer Herkunft zu untersuchen, ob sie von außen bzw. oben erteilt werden oder ob sie sich aus einem Nachdenken über Würde entwickeln, und herauszufinden, welche Wirkung sie dabei erzielen. Das ist ein guter Ansatz und ein weites Feld.“
Es entsteht eine lange Pause. Ich bin überrascht, es kommt keine Abwehrargumentation, weil ich die positive Wirkung der Kirche verneine, weiterhin mit dem Hinweis, es könne nicht Gott gewesen sein, der die Gesetze am Berg Sinai übergeben hat, und dem Hinweis, wir haben durch die genetische Auslese einen zu hohen Aggressivitätsanteil erworben, damit eine Grundannahme der Christen, der Mensch sei das Ebenbild Gottes, dadurch Kirche und Gott in Frage gestellt.
„Aber nimm mal einen größeren Abstand, dann siehst Du vieles anders“, beginnt mein Vater erneut zu reden, „wir Menschen sind das Ebenbild Gottes. Vielleicht ist das nicht gegenständlich gemeint, als Spiegelbild, sondern das gesamte System ist gemeint. Es pulsiert in Ewigkeit unendlich. Ein in sich harmonisches Werden und Vergehen. Das ist das Göttliche.“ Während er sprach, erinnerte ich mich, das hatte ich als Gottesbeweis auch bei Albert Einstein gelesen. „Die Institution Kirche“, redete mein Vater weiter, „ist nicht nur der kulturzerstörende Missionar, der folternde Inquisitor, sondern auch der barmherzige Helfer, der Seelsorger, der Trostspender am Grab. Es gibt eine Geborgenheit im Glauben, das ist ein Geschenk, und das zu fördern, das ist auch Kirche und es ist ihre Grundaufgabe, das Gute, die Liebe zu fördern.“ Er steht auf, nimmt sein Glas und geht zur Küche. In der Tür dreht er sich um:
„Dann ist doch Dein Vorschlag, nicht das Augenmerk auf das Böse, sondern auf das Gute zu legen, genau richtig. Damit Euch: Gute Nacht."
„Das muß er so sehen, sonst könnte er nicht als Pastor leben“, sagt Ingo, „die Kirche, sogar die gesamten Religionen konnten das schlimmste Verbrechen auf dieser Erde nicht verhindern. Als es darauf ankam, sich auf das Gute in uns zu besinnen und dem Bösen zu widerstehen, haben sich unendlich viele geduckt und sich damit fürs Böse entschieden, weil sie es dadurch erst ermöglichten. Nicht nur der Mensch, der Zyklon B in die Gaskammern einfüllte, war ein Mörder. Nein, auf der ganzen Strecke rückwärts alle. Der Polizist, der die Adressen sammelte, der Denunziant, der meldete, der LKW-Fahrer, der Bahnhofsvorsteher, der Lokführer, der Wachmann und tausende Menschen, die unterwegs schweigend zusahen. Die wenigen Mutigen, Aufrechten, die sich dem entgegen gestellt haben, ändern nichts an dieser Tatsache. Wir alle waren es. Es ist in uns. Es hätte einen Generalstreik aller Menschen geben müssen: Wir sind ein Kulturvolk und keine Mörderbande. Den gab es nicht.“ Ingo steht auf, schaut mich an:
„Da hast Du ja ein tolles Thema losgetreten. Ich muß auch ins Bett. Gute Nacht.“
Ich habe noch mein Bier und bin viel zu unruhig, um schlafen gehen zu können. Ich habe das Gefühl, meinem Vater hat, trotz der unterschiedlichen Meinungen, das Gespräch gut getan. Es war authentischer Kontakt. Auch Ingo, denke ich, hatte Freude. Es ist für ihn etwas, was er bestimmt auch gerne mit seinem Vater gehabt hätte.
Mir fällt noch ein, da gab es an einer Uni einen Test, ob Studenten foltern können. Man gab ihnen einen Drehknopf für Elektroschocks und eine Testperson hinter einer Glaswand, dazu einen Dozenten, der die Studenten indoktrinierte, immer mehr Strom zu senden, auch wenn die Testperson bereits vor Schmerz schrie. Das sei notwendig, richtig und gut. Nur sehr, sehr wenige Studenten widersetzen sich der Anweisung und wollten bei dem Versuch nicht mitmachen.
Nicht alle Menschen sind schlecht, aber sehr viele schon.
Folter ist das Kriterium, es zu erkennen.
Nach insgesamt drei Wochen haben wir einen Leitzordner voll. Wir sind zufrieden, das läßt sich vorzeigen. Der nächste Schritt ist die Beantragung von Filmförderung. Also fahren wir heim. Auch Ingo muß zurück. Ihn erwartet bei der Berliner Filmproduktion ein neuer Job. Wir räumen die Zimmer auf und verabschieden uns auf bald.
Unterwegs im Auto erinnere ich mich an mein Versprechen, alle sieben Proletenregeln aufzuzählen. Mir fallen aber nur zwei weitere ein:
– Es machen doch alle so.
– Was geht es mich an?
Ingo lacht, zündet sich eine Gauloises an. Wir genießen unseren schwebenden Citroën und fühlen uns prächtig.